Roman sentimental: Subjektivität und Gefühl


Roman sentimental: Subjektivität und Gefühl
Roman sentimental: Subjektivität und Gefühl
 
Im 18. Jahrhundert kam der Artikulation subjektiver Empfindung in der Dichtung eine zentrale Rolle zu. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass der Ausdruck des individuellen Gefühls sich zunächst im Roman ein Medium schuf: Dieser war nämlich im klassischen Gattungsgefüge nicht enthalten und infolgedessen von den Verfassern der großen Poetiken bis in die jüngste Zeit so wenig geachtet, dass er sehr zu seinem Vorteil von ihren formalen Gängelungen verschont blieb und sich in engster Beziehung zum Publikum entwickeln konnte.
 
Ein wichtiger und international einflussreicher Vorläufer des »Roman sentimental«, des sentimentalen Romans, ist der Briefroman »Portugiesische Briefe«, der 1669 anonym erschien. Wie der Titel einer anderen Ausgabe aus dem selben Jahr besagt, handelt es sich um die »Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne an den Ritter von C...«. Dass die Briefe von der Nonne Mariana Alcoforado stammen, wird allerdings aufgrund des hochliterarischen Charakters des Werks allgemein bezweifelt. Ob diese Begründung für eine entschiedene Verwerfung der Autorschaft von Schwester Mariana hinreichend ist, mag dahingestellt sein - die Partei, die die Briefe für authentisch hält, wird es auf jeden Fall schwer haben, solange die portugiesischen Originale nicht auftauchen. Aber auch die (weit größere) Partei, die den im Druckprivileg von 1668 als Herausgeber genannten Guilleragues als Autor favorisiert, konnte nicht alle Zweifel ausräumen. Dass der Frage der Authentizität der Briefe überhaupt eine solche Aufmerksamkeit gezollt wird, liegt hauptsächlich an der Intensität und Unmittelbarkeit der hier ausgesprochenen Gefühle. Die »Portugiesischen Briefe« dokumentieren heftige Gemütsschwankungen bis hin zu Todessehnsucht und Selbstmordgedanken der Schreiberin angesichts der Tatsache, dass der Adressat, der Chevalier de Chamilly, zunächst nicht antwortet. Als er dann schließlich doch schreibt, muss die Plattheit seines Briefes die empfindsame Nonne zutiefst enttäuschen, auch wenn sie zuvor schon gelegentlich selbst feststellt, dass sich ihre Gefühle unabhängig von seiner Gleichgültigkeit entwickeln.
 
Der 1697 geborene Abbé Antoine François Prévost d'Exiles begann 1728 im englischen Exil mit der Veröffentlichung seiner »Mémoires et Aventures d'un homme de qualité« (= Memoiren und Abenteuer eines ehrenwerten Mannes). In ihrem siebtem Band erschien als eine Art Anhang 1731 die »Geschichte der Manon Lescaut und des Ritters Des Grieux«, die heute allerdings in der stark veränderten Form der separaten Edition von 1753 gelesen wird. Auf den Handlungskern reduziert, nimmt sich »Manon Lescaut« zunächst nicht gerade empfindsam aus, da die Züge des Abenteuerromans - häufige Wechsel des Schauplatzes und des sozialen Milieus - noch deutlich hervortreten. Den Ich-Erzähler, Manons Liebhaber Des Grieux, ereilen immer neue Schicksalsschläge. Doch erwartet ihn hier am Ende nicht - wie sonst in der Gattung üblich - ein Vermögen oder bescheidenes bürgerliches Glück, sondern Desillusionierung und bittere Resignation. Des Grieux wird von Manon betrogen, geht in ein Kloster, wo Manon ihn besucht, und er folgt ihr weiter - ins Verderben. Er wird von ihrem Bruder ausgenutzt, zum Falschspieler ausgebildet, leiht sich Geld zum Spielen, wird ausgeraubt, verliert den Rest seines Vermögens bei einem Brand, wird als Kuppler verhaftet und tötet bei der Flucht aus dem Gefängnis einen Wärter. Als Manon schließlich nach Louisiana gebracht wird, folgt er ihr wieder, duelliert sich wegen ihr mit dem Neffen des Gouverneurs und flieht mit ihr in die Wüste, wo sie schließlich stirbt.
 
So weit liest sich die Handlung wie ein typischer Abenteuerroman. Empfindsam wird »Manon Lescaut« erst als »Geschichte«, in der nacherlebenden Niederschrift, im Laufe derer Des Grieux sich erst richtig über die Zusammenhänge klar wird - als erwache er aus einem bösen Traum. Er berichtet aus der Perspektive des Vernichteten, der sich fragt, wie es denn so weit mit ihm habe kommen können. Die niederschmetternde Macht des Faktischen bestimmt denn auch die fatalistische Grundhaltung: Die leidenschaftliche Liebe zu Manon Lescaut ist für Des Grieux ein objektiver Faktor, den zu beeinflussen die Grenzen seiner Vorstellungskraft übersteigt. Er ist daher eher an der Wirkung der Umstände und Konstellationen interessiert als an innerer Läuterung.
 
Durch diese fast physikalische Betrachtungsweise der Leidenschaften waren die Möglichkeiten der Weiterentwicklung des französischen »Roman sentimental« stark begrenzt. Einen entscheidenden äußeren Impuls empfing er durch das Werk des Engländers Samuel Richardsons, dem Prévost durch seine Übersetzungen - der Romane »Clarissa« 1751 und »Grandison« 1755 - den Weg nach Frankreich ebnete. Richardson, der sich weit mehr für die Gedanken und Motive seiner Charaktere interessierte als für ihre Taten, wählte konsequent die Form des Briefromans und reduzierte die Handlung auf ein Minimum. Wichtiger als die traditionelle Erzählung der Handlung war nun die Schilderung der Dynamik des inneren Konflikts, der »Logik des Herzens«.
 
Als das Hauptwerk des französischen »Roman sentimental« gilt Jean-Jacques Rousseaus »Julie oder die neue Heloise« (1761).Obschon unter dem deutlichen Einfluss Richardsons abgefasst, weist dieser Briefroman doch gravierende Unterschiede auf, besonders die spürbare - an einigen Stellen fast aufdringliche - direkte autobiographische Prägung des Romans. Dieser starken persönlichen Note verdankt die »Neue Heloise« ihren eigenständigen Charakter und die enorme Nachwirkung. Die kunstvolle Unmittelbarkeit des sprachlichen Ausdrucks vermittelt immer wieder die Authentizität des Gefühls. Bei Richardson dominieren, in »Pamela«, die schematische Tugendhaftigkeit, in »Clarissa« die raffinierte Vielschichtigkeit der Charaktere, die sich in den Briefen Rechenschaft ablegen, also ihre Gefühle zu rationalisieren versuchen, die Regungen des Herzens. Nichts dergleichen bei Rousseau - hier bricht sich die Subjektivität eine Bahn, die Empfindung rebelliert gegen die von der Gesellschaft auferlegte Pflicht: Die Liebe des Hauslehrers Saint-Preux zu Julie d'Étanges ist aus gleich zwei schwer wiegenden Gründen zum Scheitern verurteilt, denn es trennt sie der Standesunterschied, und Julie ist bereits Monsieur de Wolmar versprochen. Julie weigert sich zu fliehen und Saint-Preux in England zu treffen, gehorcht dem Willen ihres Vaters und heiratet Wolmar.
 
Auch wenn die Pflicht obsiegt, so hat sich doch das Gefühl als »andere Realität« neben ihr emanzipiert. Hierin ist der erste Teil des Romans deutlicher, beruht doch der Verzicht auf einer bewussten Entscheidung für die Pflicht und gegen die Leidenschaft, deren Legitimität jedoch nie bestritten wird. Im zweiten Teil lädt Monsieur de Wolmar Saint-Preux nach Clarens ein. Saint-Preux und Julie bleiben zwar auch in seiner Abwesenheit standhaft, doch bleibt ihre Liebe lebendig. Erst durch den Tod Julies - sie hatte versucht, eines ihrer Kinder vor dem Ertrinken zu retten und war daraufhin unheilbar erkrankt - wird die brenzlige Situation des »Ménage à trois« gelöst. Mit seiner »Neuen Heloise« hat Rousseau nicht nur die Entwicklung des modernen Romans sondern auch des modernen Individualismus befördert.
 
Dr. Juri Jakob
 
 
Französische Literaturgeschichte, herausgegeben von Jürgen Grimm. Stuttgart u. a. 31994.

Universal-Lexikon. 2012.

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